Wir warten … und warten … und warten. Wir warten auf die Gehaltserhöhung, auf den Mann unserer Träume, auf die Entschuldigung einer Freundin. Wir warten auf den Anruf, den ersten Schritt und die Heilung unserer Wunden.
Wir denken, wir würden warten, doch in Wahrheit er-warten wir. Wir erwarten, dass endlich etwas im Außen eintritt. Etwas, was ein anderer unseres Erachtens zu tun hat. Und so erwarten wir friedlich weiter und geben all unsere Macht nach Außen ab. Sinnbildlich sind es die Zügel, die wir aus der Hand geben, damit ein anderer das Kommando über unser Leben übernimmt und es in die erhoffte wegweisende Richtung lenkt. Aber was, wenn das Leben so richtig Fahrt aufnimmt und wir in eine andere als die gewünschte Richtung abbiegen? Was, wenn der Chef einen Kollegen befördert, die Freundin von uns die Entschuldigung erwartet und der Mann unserer Träume einfach nicht auftaucht?
Dann ist unsere Er-Wartung nicht eingetroffen! Die Zeit, die derweil verlaufen ist, ist dabei nur nebensächlich. Das, was wir dachten hätte eintreten müssen, ist nicht eingetreten. Die Vorstellung ist geplatzt. Alles, was sich dahinter versteckte, war nur eine Illusion – eine Vorstellung, wie es hätte sein müssen. Und mit dieser Annahme, etwas habe so zu sein, kommt die Enttäuschung. Wir sind traurig, frustriert, verwirrt, ent-täuscht! The show is over! Es ist das Ende aller Täuschung! Je größer die Enttäuschung ist, desto mehr tut sie weh. Weil wir doch dachten, es hätte anders sein sollen.
Und jetzt stehen wir da, mit dem Schmerz, den wir denken, ein anderer hätte ihn verursacht. Warum nur? Warum hat er das getan? Warum ist sie nun sauer auf mich und warum passiert das immer nur mir? Wir driften ab, direkt rein in die Abwärtsspirale … mit Kopfsprung voran. Wenn ich eines im Leben gelernt habe, dann das: Frage niemals warum! Frage immer nur wozu! Denn die Frage nach dem Warum führt immer nur in eine Annahme, die den Fehler sucht und meist in der Vergangenheit liegt. Das „warum“ bringt uns nicht nach vorne und weiter, ein „wozu“ aber schon. Wozu ist mir das passiert? Kann ich aus der Situation etwas lernen? Wozu ist es uns dienlich?
Wozu? Damit wir merken, dass wir uns selbst getäuscht haben. Dass wir die Zügel wieder selbst in die Hand nehmen sollten und dass wir uns freimachen sollten von Erwartungen. Erwartungen an andere und vor allem Erwartungen an uns selbst. Wir können nur der Verlierer sein in dem Spiel des Lebens, wenn wir von anderen etwas erwarten. Denn dafür sind wir einfach alle zu individuell, haben unsere eigenen Glaubens- und Wertvorstellungen, die wir nun wahrlich dem anderen nicht überstülpen können. Wenn wir uns von unseren Erwartungen trennen, sind wir frei. Frei von jeglicher Enttäuschung. Wenn alles so sein darf wie es ist, kann uns das Außen nur noch schwer negativ beeinflussen. Frei-Sein bedeutet, die Zügel seines Lebens selbst in der Hand zu halten. Selbst zu entscheiden, ob uns jemand enttäuschen darf oder nicht.
Seien wir doch mal wieder mitfühlender mit dem anderen. Hat der Kollege es nicht auch verdient, befördert zu werden? Hatte die Freundin etwa auch nur eine andere Vorstellung, der ich nicht standhalten konnte? Und sollte ich mich nicht vorher selbst lieben, bevor ein anderer kommen soll, von dem ich es erwarte? Mitgefühl, bitte zuallererst mit uns selbst. Wir haben nämlich nicht nur hohe Ziele, sondern auch hohe Erwartungen. Und wenn ich diese an einen anderen stelle, dann erwarte ich es ganz bestimmt auch von mir selbst!
Ungnädig werde ich, wenn ich nicht selbst meinen eigenen Erwartungen gerecht werde. Es endet oftmals in Selbstkasteiung, weil wir das uns Vorgenommene nicht ausgeführt haben, den Tag nicht mit Sinnvollem ausgefüllt haben, uns selbst Vorwürfe machen, weil wir uns mal wieder selbst kasteit haben. Wie können wir also aufhören mit den Erwartungen?
Im Englischen nennt es sich „radical acceptance“. Radikale Akzeptanz all dessen, was ist. Ich akzeptiere, dass ich Erwartungen habe. In erster Linie an mich selbst. Und ich akzeptiere, dass selbst ich meinen Erwartungen nicht gerecht werden kann. All den anderen Menschen um mich herum ebenfalls nicht. Auch das akzeptiere ich. Fürs nächste Mal sind wir schlauer und machen es anders. Vielleicht versuchen wir es mal ohne große Erwartungshaltung. Sollte es uns nicht gelingen, dann … radical acceptance!
Das Leben ist ein Lernprozess und wir werden schlauer, von Mal zu Mal, von Situation zu Situation. Und wir werden mitfühlender zu uns, zu anderen. Und hey, Fehler passieren. Wir haben uns nur einmal wieder von einer falschen Annahme beirren lassen. Das nächste Mal erwischt es uns nicht mehr so kalt. That’s life!
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